"Die Halbwertzeit des Wissens, heißt das, wird
immer kürzer.
Wäre dem in allen Hinsichten so, ging es rasch auf den Nullpunkt zu..
Aber: die Poesie ist der reine Gegensatz dazu: im gelungenen Text ist alles
auf Dauer gestellt, auf Zeitlosigkeit, und geht etwas Gelungenes verloren,
trifft immer die Schuld die unachtsamen Nachgeborenen. Leider ist es so: von
Homers, von des Orpheus Tagen an ist uns unsagbar viel verloren gegangen,
und ob die Webseiten im Internet, ob CD Rom-Dokumentierung ein besser gesichertes
Archiv erstellen können, ist keineswegs gesichert. Von Hand zu Hand musste
die antike Poesie weitergegeben, weitergeschrieben werden, und dieser unbekannten,
unbelohnten Mühe zahlloser Abschreiber verdanken wir, dass vieles noch erhalten
blieb. Später trat der Fleiß der Setzer und Drucker an deren Stelle,
und ich habe den unbeweisbaren Verdacht, dass mit der mühelosen Texterstellung
mit Hilfe des PC die Freude an den Texten sterben könnte, die zu schreiben
und zu lesen, zu würdigen und verstehen noch immer Mühe macht."
(aus: "Akmazo oder Mein halbes Jahrhundert; S. 592")